Bäume

“Wir leben unter der ständigen Bedrohung,

dass das Leben von einer Gesellschaft,

die sich durch ein krankhaftes Bedürfnis nach Wachstum bestimmt,

unwiderruflich unterminiert wird.
In dieser Gesellschaft wird das Organische durch das Anorganische verdrängt,

fruchtbarer Boden durch Betonwüsten, Wälder durch ödes Land

und die Vielfältigkeit der Formen

des Lebens durch primitivere Ökosysteme; kurz,

die Evolutionsuhr wird zurückgedreht zu einer früheren,

anorganischeren, mineralisierten Welt,

die nicht in der Lage war, irgendwelche komplexen Formen

der lebendigen Welt,

geschweige denn menschliche Wesen, aufrechtzuerhalten.”

(Murray Bookchin)

Gespräch der toten Bäume in Hannover-Mitte

mit einem kleinen Hund

Requiem in Wort und Bild von Ingeburg Peters

klaffend, au ahh, die vielen spinnweben

wabern,
kontinente, galaxien in meiner rinde, wehklage.

ich werde nichts mehr vollbringen,

aber versucht habe ich es.

schon blass werdend mein holz,

weg ist der gelbe saft;

die rinde, so schön und bedeutungsvoll,

haben sie angesägt. wie schnell alles ging:

rattatazong.
ganz new york war in mir erbaut und

alle großstädte der welt – weggestemmt.

ja hund, buddel du ruhig noch nach mäusen

zwischen den feinen spänen.

den kölner dom habe ich in mir.

und sidney und shanghai, und euch –

die ihr nach mir drankommt.

wir stümpfe sprechen nicht mehr mit den herren,

wir sprechen nur noch zu einem kleinen hund.

denn dieser hund riecht noch den rest

von leben in uns.

fräsen, ganz rund und dann spitz abgebrochen.

ich lebte mein leben in wachsenden ringen,

was soll nun noch gelingen? rilke war eine von uns.

da sprießt inmitten meiner reste ein keim.

wir geben nicht auf, nie, das können wir gar nicht.
das wäre gegen unsere natur.

ich bin die sonne, der mond, der schild des lebens,

weggesägt für den raketen-schild?
klar wollten wir mal was, ihr doch auch, oder?
steckt nicht in jedem von uns ein

weihnachts-baum?
und natürlich ein pfahl, und bauholz, brennholz,

kaminholz.
wir sind halt auch nur benutzeroberflächen,

so wie ihr menschen, wie du, kleiner hund.

die technik ist überwältigend,

wir waren schnell abgesägt.

noch etwas efeu rankt an unseren kaminen,
jemand warf eine lampenfassung dazu.

hamburg, haiti und die niagara falls,

dahin nun die träume von all dem, dahin.
abgerissen der strom des lebens,

vergessene kreide, ein totenlicht.

ip

Eine etwa 100 Jahre alte Buche, etwa 20 m hoch und 12 m Kronendurchmesser verzehnfacht mit mehr als 600 000 Blättern ihre 120 qm Grundfläche auf etwa 1200 qm Blattfläche.

 

Durch die Lufträume des Blattgewebes entsteht eine Gesamtoberfläche für den Gasaustausch von etwa 5 000 qm, also zwei Fußballfeldern! 9 400 l = 18 kg Kohlendioxid verarbeitet dieser Baum an einem Sonnentag.

Bei einem Gehalt von 0,03 % Kohlendioxid in der Luft müssen etwa 36 000 cbm Luft durch diese Blätter strömen. Die in der Luft schwebenden Bakterien, Pilzsporen, Staub und andere schädliche Stoffe werden dabei größtenteils ausgefiltert. Gleichzeitig wird die Luft angefeuchtet, denn etwa 400 l Wassetr verbraucht und verdunstet der Baum an dem selben Tag. Die 13 kg Sauerstoff, die dabei vom Baum durch die Fotosynthese als Abfallprodukt gebildet werden, decken den Bedarf von etwa 10 Menschen.

Außerdem produziert der Baum an diesem Tag 12kg Zucker, aus dem er alle seine organischen Stoffe aufbaut. Einen Teil speichert er als Stärke, aus einem anderen baut er sein neues Holz.

Wenn nun der Baum gefällt wird, (z.B. damit Ihme-Hochwasserschutz-Terrassen die Feuchtigkeit direkt in die Innenstadt Hannovers leiten dürfen? ip), so müsste man etwa 2000 junge Bäume mit einem Kronvolumen von jeweils 1 cbm pflanzen, wollte man ihn vollwertig ersetzen. Die Kosten dafür dürften etwa 150 000 Euro betragen. (Daten aus dem Rabenschnabel-Kalender von Achim von Boxberg www.rabenschnabel.de)

Über 200 herrliche alte Bäume wurden mitten in Hannover gefällt. Die schönsten und ältesten verschwanden komplett. Hat ein Milliardär sie gekauft und in seinen Garten setzen lassen? Ingeburg Peters

 

 

 

Mein Freund, der Baum, ist tot. Er starb im frühen Morgenrot…


Herzzerreißend: Stadtbaurat im Morgengrauen,

bei Beginn der Abholzungsaktionen des Ihme-Flussufers in Hannover-Mitte, die Anfang 2012 beendet wurde, im Disput mit dem Sänger der Band Fury in the Slaughterhouse, der argumentierte,  die Bäume seien ihm wichtig. Ein ganzer Stadtteilpark verschwand quasi über Nacht.